Wenn zwei Menschen über Natur sprechen, dann meinen sie nicht immer das Gleiche. Das veranschaulicht die europäische Gartenkunst. Der französische Barockpark versinnbildlicht den Sieg menschlicher Vernunft über eine chaotische, wilde Natur. Gerade Linien, streng geschnittene Hecken und geometrische Blumenbeete beweisen des Menschen Fähigkeit, die Welt nach seinem Willen zu formen. Im englischen Landschaftsgarten entstand später der Gegenentwurf. Sanfte Hügel, geschwungene Wege und scheinbar zufälliger Wechsel aus offenen und bewachsenen Flächen. Der Park soll natürlich wirken, obwohl auch diese Landschaft sorgfältig komponiert ist.
Der von uns gestaltete Garten ist Ausdruck unseres Denkens. Wir zwingen ihm unsere Vorstellungen von Ordnung, Freiheit und Zweckmäßigkeit auf. Dass Natur
unberechenbar, mächtig und uns gegenüber gleichgültig ist, verdrängen wir, bis uns die Erkenntnis bei der nächsten "Naturkatastrophe" wieder einholt.
Naturschutz ist nicht das gnädige Bewahren reizvoller Landschaften oder niedlicher Tiere. Man muss auch nicht die arme Natur vor uns beschützen. Wir schützen uns
vor den Auswirkungen einer aus dem Gleichgewicht gebrachten Umwelt. Das fußt auf der Einsicht, dass wir nicht außerhalb der Natur stehen. Wälder reinigen die Luft,
die wir zum Atmen benötigen, Moore speichern das Wasser, dass wir zum Trinken brauchen, Insekten bestäuben Blüten, ohne die wir nichts zu essen haben. Sie tun
das völlig unabhängig davon, wie schön wir sie finden. Tun sie es nicht mehr, ist das kein ästhetisches Problem. Zerstörte Natur hat auch ein paar Millionen Jahre Zeit, um sich wieder zu erholen. Wir und unsere Kinder nicht.
Die gegenwärtige Hitzewelle ist eine Folge der menschengemachten Erderwärmung. Bei Temperaturen bis zu 40 Grad zeigte sich, wie verletzlich wir sind und wie schnell
unter extremen Bedingungen auch unsere Technik versagt. Die WHO geht von 1.300 Todesopfern in Europa aufgrund von Hitze aus. Alte Menschen und Kinder sind am meisten gefährdet.
Eine Blühwiese abzumähen, die Teil eines Plans ist, die heimische Artenvielfalt zu bewahren, ist das Eine. Das Andere ist, die Aktion damit zu begründen, dass
Menschenschutz wieder Vorrang vor Naturschutz haben müsse. Hier wird ein Widerspruch behauptet, der überhaupt nicht existiert. Naturschutz ist Menschenschutz. Und allen, die sagen, dass eine Wiese für den Naturschutz und die Erderwärmung unerheblich ist, muss man entgegenhalten, dass die Wiese global gesehen genauso wenig Bedeutung für die Bekämpfung von Zecken und die durch sie übertragenen Krankheiten hat. Aber beide Anliegen sind natürlich berechtigt.
Es gab aber keinen vernünftigen Kompromiss. Obwohl es naheliegend gewesen wäre, nur den Teil im Birkenwäldchen zu mähen, der für die Stellflächen von Fahrrädern betreten werden muss, wurde die gesamte Fläche zurückgestutzt. Das war keine Notwendigkeit, sondern ein Statement. Eine Blühwiese direkt vor dem Rathaus war nicht vereinbar mit der im Wahlkampf propagierten Idee von Pullach als "Schmuckkästchen". Das "grüne Chaos" sollte dem gepflegten Rasen weichen, als Sinnbild menschlicher Ordnungsliebe und Fürsorge. Doch unter der erbarmungslosen Sonne der letzten Tage verlor dieser kleine Sieg über die Natur seinen Glanz. Inzwischen sind es lauter tote, braune Stängel.